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Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht
 
In diesem Jahr jährt sich die Reichspogromnacht zum 80. Mal und das Ende des 1. Weltkrieges zum 100. Mal.
Aus diesem Anlass veranstaltete die Gemeinde Wabern mit den Ortsbeiräten Falkenberg und Wabern Gedenkveranstaltungen am 08. November 2018 und 09. November 2018 in Falkenberg und Wabern.
An der Gedenkveranstaltung in Falkenberg wurden nach den Ansprachen von Bürgermeister Steinmetz und Ortsvorsteher Roland Klingler von den Konfirmanden des Kirchspiels Hebel/Unshausen Augenzeugenberichte vorgetragen. Dies hatten die Konfirmanden in ihrem Unterricht recherchiert und trugen dies einfühlsam und beeindruckend vor.
 
Am 09. November 2018 fand die Gedenkveranstaltung an der evangelischen Kirche statt. Die musikalische Umrahmung erfolgte durch die Gruppe Mattoto, die jüdische Lieder vortrug.
 
        
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
An die Ansprache von Bürgermeister Steinmetz, die nachfolgend abgedruckt ist, schloss sich ein Gebet von Pfarrer Heinemann an.
 
    
 
 
Vom Gedenkstein aus führte dann der Weg über die Bahnhofstraße zum Kulturraum im Bahnhof. Dort fand eine Lesung von Dr. Dieter Vaupel, Obervorschütz, statt. Herr Vaupel las aus seinem Buch „Auf einem fremden unbewohnten Planeten“ vor. Es berichtet vom Leben einer jungen jüdischen Frau, die von Auschwitz im Alter von 15 Jahren nach Hess. Lichtenau gebracht wurde und dort in der Munitionsfabrik Hirschhagen arbeiten musste.
 
 
Für die Zuhörer war dies ein bewegender Abend.
 
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Ansprache anlässlich der Gedenkfeier zur Reichspogromnacht 08./09. November 2018
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger,
 
wir haben uns heute hier zusammengefunden, um tragischer historischer Ereignisse zu gedenken, die viele Menschen erniedrigt und gedemütigt haben. Menschen wurden zur Flucht aus unserem Land genötigt und viele erlitten Gewalt oder kamen zu Tode.
Insbesondere die Ereignisse der Reichspogromnacht am 08. und 09. November 1938 lassen uns heute hier zusammenkommen. Diese Tage liegen nunmehr 80 Jahre zurück und wir schauen auf dieses dunkle Kapitel der deutschen Geschichte.
Infolge der Ermordung des Diplomaten Rath in Paris durch einen jüdischen Attentäter wurde dies zum Anlass genommen, gezielt die jüdische Bevölkerung zu terrorisieren.
 
In unserer Gemeinde haben wir in Wabern als auch in Falkenberg und Hebel jüdischen Familien eine Heimat über viele Jahrhunderte gegeben. Diese Menschen, die in ihren Orten in guter Nachbarschaft lebten, wurden zum Ziel einer gezielten politischen Diskreditierung. In Wabern hatte man bewusst darauf hin gearbeitet, dass bis zur Reichspogromnacht alle jüdischen Familien den Ort verlassen hatten. Die örtliche Parteiorganisation der NSDAP meldete stolz: Wabern ist judenfrei. In Wabern lebten die Familien Süßkind, Frenkel und Löwenstein sowie Mandelbaum. Im Februar 2018 haben wir in Erinnerung an diese Familien in der Bahnhofstraße sogenannte Stolpersteine verlegt, die an diese Familien und ihre Schicksale erinnern sollen.
 
Wir werden auf unserem Weg zum Bahnhof an diesen Häusern bzw. dem ehemaligen Standort kurz innehalten.
 
Die Familie Süßkind lebte in der Bahnhofstraße Nr. 15. Markus Süßkind, geb. 1904, betrieb einen Viehhandel. Er nahm sich 1929 das Leben. Seine Frau verließ mit ihrer Tochter Wabern. Das Schicksal der Tochter ist nicht geklärt. Die Frau von Markus Süßkind wurde in Theresienstadt ermordet.
Die Familie Frenkel zog von Falkenberg nach Wabern. Laser Frenkel war auch Viehhändler. Die Familie lebte in bescheidenen Verhältnissen. Die Tochter Margot arbeitete in Kassel als Hausmädchen. Aufgrund von zahlreichen Schikanen verließ die Familie im Oktober 1938 Wabern. Laser Frenkel wurde am 09.12.1941 mit seiner Ehefrau Jettchen in das Ghetto Riga deportiert und anschließend ermordet.
Die Familie Löwenstein betrieb seit Ende des 19. Jahrhunderts ein Textilgeschäft in der Bahnhofstraße. Simon Löwenstein und seine Ehefrau Gitta hatten fünf Kinder. Diese Familie litt auch unter den Repressalien der SA, die im Juni 1933 ein sogenanntes wildes Konzentrationslager im Karlshof eingerichtet hatte.
Die Familie Mandelbaum lebte in der Fritzlarer Straße Nr. 14. Die Familie verzog früh in andere Orte in Nordhessen. Siegfried Mandelbaum in Pommern geboren, wurde 1938 in Kassel festgenommen und nach Buchenwald deportiert. Am 09. Dezember 1941 wurde er mit dem ersten Transport von Kassel nach Riga deportiert und 1943 im KZ Auschwitz ermordet. Dies nur beispielhaft für die tragischen Schicksale der ehemals in Wabern lebenden jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger.
 
Wir blicken nach 80 Jahren auf eine Zeit zurück, die wir aus den Geschichtsbüchern, aus den Erzählungen meinen zu kennen. Begreifen können wir die Vorgänge wohl nicht, die damals sich nicht nur im fernen Berlin, in den Großstädten abgespielt hat, sondern auch in unseren Orten, in unserer Gemeinde.
Was hat Menschen bewegt, andere auszugrenzen. Verschiedenste Bevölkerungsgruppen wurden Opfer einer menschenverachtenden Ideologie. Menschen, die in irgendeiner Form anders waren, anders glaubten, anders liebten waren Ziel eines unbändigen entfachten Hasses, den man auch Menschen in seiner Nachbarschaft nicht zugetraut hätte.
 
Wir blicken heute vielleicht mit noch geschärfterem Blick auf diese Zeit, weil uns Aussagen von Politikern, von Demonstranten, irritieren. Aussagen, die die Zeit von 1933 bis 1945, die Teil unserer Geschichte sind, als überwunden und verarbeitet bezeichnen.
 
Presse und Meinungsfreiheit wird in Abrede gestellt, man spricht von alternativen Fakten, man behindert Berichterstattungen. Alle verankerten Grund- und Menschenrechte, für die Menschen gekämpft haben, für die Menschen gelitten haben sind uns wichtig. Ja, sie sind uns wichtig. Aber manchmal auch zu selbstverständlich. Wir halten sie für in Stein gemeißelt und doch glaube ich, dass wir jeden Tag darum kämpfen müssen, damit sie uns nicht verloren gehen.
 
Das damalige Deutschland hat sich versündigt an all jenen, die in die Gaskammern nach Treblinka und Auschwitz gehen mussten oder deren Wege sich im Ghetto Theresienstadt oder Riga verloren. So wie es auch Menschen aus Wabern ergangen ist.
 
Wir haben uns heute hier an der evangelischen Kirche am Gedenkstein eingefunden, um der Menschen zu gedenken, die Opfer von nationalsozialistischen Terror, die Opfer der Kriege wurden und die unter all diesen schrecklichen Ereignissen gelitten haben. Manch einer wird sagen: Es ist doch einmal gut und welche Verantwortung habe ich überhaupt, da ich zum späteren Zeitpunkt geboren bin.
Ich traf vergangene Woche einen Mann, der vor einem Plakat, das auf diese Veranstaltung hinwies, stand und mit dem Kopf schüttelte. Ich sprach ihn an. Er sagte zu mir: Ich kann es nicht mehr hören. Immer und immer wieder wird einem diese Schuld vor Augen geführt. Es ist doch auch mal gut. Ich habe ihm erklärt und erläutert, was meine Beweggründe für solch eine Veranstaltung sind und auch wenn ich nicht in dieser Zeit gelebt habe, mich damals nicht schuldig gemacht habe, so bin ich doch der festen Überzeugung, dass wir als Bundesrepublik Deutschland, als Land Hessen und auch als Gemeinde Wabern, eine Verantwortung für das Geschehene haben.
 
Die Auseinandersetzung mit diesen schrecklichen Taten soll uns auch davor bewahren, den falschen Versprechungen zu glauben und uns Tendenzen erkennen zu lassen, die einer Aushöhlung unserer pluralistischen und humanistischen Werteordnung und der demokratischen Grundverfassung entgegen läuft.
Carolin Emcke, Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2016, schrieb in ihrem Buch „Gegen den Hass“:
„Nur eine Erinnerungsskulptur, die immer wieder neu Hoffnung artikuliert, eine inklusive Gesellschaft zu schaffen, eine, die nicht zulässt, dass einzelne oder ganze Gruppen als fremd oder unrein ausgesondert werden, kann lebendig bleiben. Nur das Erinnern, das auch in der Gegenwart aufmerksam bleibt für die Mechanismen von Ausgrenzung und Gewalt kann vermeiden, dass es irgendwann bedeutungslos wird“.
Die große Mehrheit der Deutschen lehnt Antisemitismus und Ausgrenzung ab. Aber sie darf niemals die schweigende Mehrheit sein.
 
Es gibt ein weiteres wichtiges Ereignis, das sich in diesem Jahr zum 100sten Male jährt: 1918 ging der 1. Weltkrieg zu Ende, ein Krieg, der 17 Mio. Menschen das Leben gekostet hat. Der Krieg endete am 11. November 1918. Wir haben glücklicherweise seit über 70 Jahren eine Friedensphase in Europa. Und bei aller Kritik auch an politisch Verantwortlichen, so muss man doch eines festhalten: Vereint waren Politiker wie Willi Brandt, Helmut Kohl, Francoise Mitterand, Hildegard Hamm-Brücher, Hans Dietrich Genscher, Johannes Rau, Olaf Palme in ihrem unnachgiebigen Streben nach Frieden und diplomatischen Lösungen von Konflikten. Wir erleben im Moment ein Europa, das an sich selbst zweifelt, das sich wieder tendenziell hin entwickelt zu Staaten, die nationalistisch ausgerichtet sind und die an der strikten und repressiven Grenzziehung und Kontrolle festhalten. Der Ton wird radikaler und schärfer.
 
Wir leben in einem Land, das uns viele Rechte zubilligt, das uns eine Vielzahl an Möglichkeiten der Entfaltung eröffnet. Nach meiner Auffassung ist es auch unsere Pflicht, sich für den Erhalt dieser Strukturen einzusetzen und all jenen entgegen zu treten, auch im Gespräch, auch in der Diskussion, die an dem Abbau und der Zerstörung dieser Grundstruktur arbeiten. Aufrechte Menschen gab es auch in dem dunkelsten Kapital der Geschichte unseres Landes und all jener gilt es zu gedenken und auch zu danken, die sich für ihre Nächsten eingesetzt haben.
 
Zum Abschluss ein  Zitat von Franca Magnani:  
 
          „Je mehr Menschen mit Zivilcourage in einem Land leben,
umso weniger Helden wird es brauchen.“